Wie heilsam ist Lesen?

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Wie heilsam ist Lesen?

8 Grundregeln für wirkungsvolle Bibliotherapie

Je mehr ich las, umso näher brachten die Bücher mir die Welt, 

umso heller und bedeutsamer wurde für mich das Leben.“ 

Maxim Gorki (1868-1936)

Worte sind mächtig.

Die Bibliotherapie nutzt vor allem die heilende Macht der Worte.

Die Geschichte der Bibliotherapie geht weit zurück: Schon Schamanen und Medizinmänner nutzten Gesang, Gebet und Dichtung als Heilmittel, in der Antike wurde Apollo als Gott der Heil- und Dichtkunst verehrt und aus derselben Zeit stammt die Katharsis-Lehre von Aristoteles sowie die „Trostliteratur“, die gezielt für Menschen in Not, Leid und Verzweiflung geschrieben wurde.

Bibliotheken als Heilstätten der Seele

In der Bibliothek von Alexandria prangte damals in großen Lettern „Heilstätte der Seele“ und diesem Beispiel folgend bildeten sich Bibliotheken in Psychiatrien, Krankenhäusern und Gefängnissen, um den dort ansässigen Menschen mit Büchern Linderung zu schaffen. 

Mitte des 19. Jahrhunderts, in einer Art Blütezeit der Bibliotherapie, begründeten Benjamin Rush (1812) und später John Minston Galt (1847) die heilsame Wirkung literarischer Texte mit folgenden Argumenten:

  1. Lesen lenkt von krankhaften Gedanken ab.
  2. Lesen dient als Zeitvertreib und Aufheiterung.
  3. Lesen dient zur Informationswiedergabe.
  4. Durch das Leihen von Büchern kann das Anstaltspersonal das Interesse am Wohlergehen des Patienten demonstrieren.
  5. Lesen verbessert die Therapiebereitschaft.

Rosenblatt (1938) erklärte sich die Macht der Worte durch den emotionalen Einfluss, der genauso stark sein kann wie der von lebendigen Menschen oder realen Situationen.

Maslow (1954) wiederum sah vier von sechs menschlichen Grundbedürfnissen von der Bibliotherapie gedeckt (Zugehörigkeit, Wertschätzung, Selbstverwirklichung, kognitive Bedürfnisse), was für ihn die große Wirkungsvielfalt von Literatur nahelegte.

 Phasen der Literaturlektüre dieselben wie in der Psychotherapie

Die Phasen, die der Leser bei der Literaturlektüre durchläuft, sind im wesentlichen dieselben der Psychotherapie: 

  1. Identifikation
  2. Projektion
  3. Abreaktion, 
  4. Katharsis und 
  5. Einsicht. 

Unter diesem Aspekt ist eine Kombination aus Lese- und Gesprächtherapie zielführend.

Diese Einstellungs- und zum Teil gar Verhaltensänderungen wurden bereits durch einige Untersuchungen belegt.

So konnte Jackson (1944) beweisen, dass unter dem Einfluss von Literatur stereotypische, vorurteilsbehaftete Einstellungen von kaukasischen Jugendlichen gegenüber Afro-Amerikanern signifikant verändert werden konnten, wenn auch nicht dauerhaft; ähnliche Untersuchungsergebnisse zur Einstellungs- und Verhaltensänderung durch Literatur lieferten Agnes (1947), Carlsen (1948) wie auch Alexander/Boggie (1967). 

Carlsen fügt auf Berufung der Ergebnisse ergänzend hinzu, dass Vorurteile nicht intellektuell, sondern emotional geprägt seien und daher auch emotional beeinflusst werden müssen, wofür sich die Bibliotherapie besonders eigne.

 Materialauswahl in der Bibliotherapie besonders wichtig

Die Bibliotherapie lässt sich in unterschiedlichen Modellausführungen anwenden.

Therapeuten arbeiten in der Bibliotherapie sowohl in Team- als auch Alleinarbeit, lesen das Material selbst vor oder lassen es einen Klienten vor oder während der Sitzung lesen, zudem werden auch Schreibtechniken kombinierend angewendet. 

Die Materialauswahl ist ein besonders sensibles Thema der Bibliotherapie. 

Vor allem ist hier besonders wichtig, moralistische, didaktische oder vorurteilsbeladene Materialen zu vermeiden; literarische Werke müssen unbedingt nach dem Maß ihrer heilenden Wirkung und nicht nach literaturkritischen Werten gewählt werden. 

Der richtige Text ist gewählt, wenn die Werte und Emotionen, mit denen der Leser sich vorrangig beschäftigt, darin widergespiegelt werden.

 Verantwortung der Textauswahl sollte im Idealfall beim Therapeuten liegen

Bezüglich des Materials empfiehlt Rubin (2015), dass die Kontrolle der Auswahl stets beim Therapeuten liegen sollte, es sei denn, die Auswahl des Materials ist für die Diagnose oder Entwicklung des Patienten von entscheidender Bedeutung (z.B. Verantwortungstraining). 

Selbst dann aber sollte der Therapeut eine Auswahl zur Verfügung stellen, die auf den Patienten und seine Bedürfnisse zugeschnitten sind; meist bieten sich Kurzgeschichten an, da sie keine lange Lesebeschäftigung erfordern und von Persönlichkeitsdynamik, Konflikten und Ängsten handeln. 

Zum Abschluss sind hier noch einal die Grundregeln nach Rubins (2015) aufgelistet:

 

  • Der Therapeut sollte kein Material benutzen, mit dem er nicht selbst vertraut ist.
  • Die Länge eines Textes sollte beachtet werden. Umfangreiche Materialien mit themenfremden Situationen und Details sind so lange zu vermeiden, bis eine Gruppe gelernt hat, damit umzugehen. Empfohlen werden Gedichte, Kurzgeschichten, Einakter oder einzelne Kapitel größerer Romane. Kürzere Texte sind aus deshalb praktischer, weil sie leichter zu lesen sind bzw. leichter erinnert werden können und somit mehr Zeit für die Therapie lassen.
  • Die Probleme der Patienten müssen berücksichtigt werden. Die Materialien sollten sich auf die Probleme anwenden lassen, müssen aber nicht identisch damit sein.
  • Die Lesefähigkeit der Klienten muss festgestellt werden und soll die Auswahl des Materials beeinflussen. Bei Leseproblemen empfiehlt sich gemeinsamen lautes Lesen oder die Benutzung audiovisueller Materialien. 
  • Alter und psychische Entwicklung der Klienten müssen mit dem Schwierigkeitsgrad des Materials abgestimmt werden. 
  • Lesepräferenzen bilden ein wichtiges Auswahlkriterium. Die literarische Geschichte der Klienten und die von ihnen angesprochene Interessen liefern den besten Maßstab. Bei Klienten, die selten lesen, sind die Lieblingsfilme und -fernsehserien ein guter Hinweis für mögliche Leseinteressen.
  • Materialien, die Gefühle und Stimmungen der Klienten ausdrücken, sind oft sehr günstig. […]
  • Audiovisuelle Materialien sollten die gleiche Aufmerksamkeit und kritische Beachtung genießen wie gedrucktes Material.“

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Quellen:

Petzhold, Hilarion G., Orth, Ilse (Hrsg.), 2009. Poesie und Therapie. Über die Heilkraft der Sprache, 2. Auflage, Bielefeld und Locarno: Edition Sirius im Aisthesis Verlag. 

Pape, Traute. Die heilende Kraft der Sprache. In: Deutsche Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie e.V. (Hrsg.), 2002. Die heilende Kraft der Sprache. Poesie- und Bibliotherapie in der Praxis. 1. Auflage. Düsseldorf: Der Setzkasten Verlag.

Rubin, Rhea Joyce. Bibliotherapie – Geschichte und Methoden. In: Petzhold, Hilarion G., Orth, Ilse (Hrsg.), 2009. Poesie und Therapie. Über die Heilkraft der Sprache, 2. Auflage, Bielefeld und Locarno: Edition Sirius im Aisthesis Verlag.

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