Wenn Literatur mehr Last als Freude ist

von

Wenn Literatur mehr Last als Freude ist

Die wichtigsten Faktoren, die in der menschlichen Entwicklung zur Leselust führen

„Hungriger, greif nach dem Buch: Es ist eine Waffe!“

Bertolt Brecht (1898-1956)

Damit es überhaupt zu einer emotionalen – und darin inbegriffen auch heilenden – Wirkung von Literatur kommen kann, muss der Mensch zumindest gerne lesen. Eine Leselust ist also die Grundvoraussetzung für die Wirkmöglichkeit eines Werkes. 

Welche Faktoren sind es aber, die bei der Entwicklung eines Menschen dabei eine Rolle spielen, ob er das Lesen als Last oder Freude empfindet?

Durch mangelnde Lesetechnik entsteht mangelndes Lesevergnügen

Laut Polt (1986) könne aus Sicht der Pädagogik von einer „Buchreife“ gesprochen werden, sofern innerhalb von 30 Minuten mindestens 15 Seiten eines altersentsprechenden Textes gelesen werden können. Untersuchungsergebnisse der Lesegeschwindigkeit bei Unterhaltungslektüre variieren, bei „normaler“ Lesefähigkeit wird ein Richtwert von etwa 200 bis 300 aufgenommenen Wörter pro Minute  angegeben (Zielke 1991).

Doch wie auch immer das Mindestmaß angemessener Lesekompetenz aussieht: Tatsache ist, dass aus mangelnder Lesetechnik auch ein mangelndes Lesevergnügen resultiert. (vgl. Poll 1986, S. 29)

Die Leseerziehung beginnt bereits im familiären Rahmen durch das eines „positiven Leseklimas“: durch lesende Vorbildfunktion (beispielsweise durch die Mutter), Vorlesen, 

Buchgeschenke und Gespräche über Gelesenes wird die Lesemotivation deutlich gefördert.

Sofern eine fehlende oder unzureichende häusliche Lesesozialisation herrscht, sehen sich Grundschulen noch durchaus in der Verpflichtung, diesen Mangel durch Vermittlung von Leselust auszugleichen; spätestens ab den Sekundarstufen werden literarische Texte anhand ihrer formalen Bildungskriterien verarbeitet, was die Lesefertigkeit, jedoch nicht die Lust am Lesen trainiert. 

Leser und Text kommunizieren miteinander

Der Leseprozess an sich ist ein sehr komplexer Vorgang, der vom Wort- zum Satz- hin zum Textverstehen führt. 

Leser und Text kommunizieren miteinander; die Kommunikation ist meist dann gestört, wenn die Erwartungen, die der Leser auf den Text projiziert, nicht erfüllt werden können. Als Folge wird der Text für den Leser bedeutungslos oder nicht zugänglich, was zumeist nichts mit dem Textinhalt zu tun hat, sondern mit einer schwer verständlichen Ausdrucksweise oder auch der Form des Textes. 

Textverständlichkeit ist ausschlaggebend

Um solche Schwierigkeiten zu vermeiden, wurde das Hamburger Verständlichkeitsmodell entwickelt, das auf Basis empirischer Untersuchungen folgende Kriterien für die Textverständlichkeit festlegte:

  • Ein Text ist einfach, wenn er klar und kurze Sätze enthält (höchstens 20 Wörter) und die Wortwahl möglichst verständlich ausfällt (nah an Alltagssprache)
  • Ein Text ist prägnant, wenn er aktive Sätze, viele lebendige Zeitwörter und keine überflüssigen Satzteile und Wörter enthält
  • Ein Text ist strukturiert, wenn er Absätze, aussagekräftige Überschriften, Hervorhebungen enthält als auch einzelne Sätze sinnvoll miteinander verknüpft 
  • Ein Text ist reizvoll, wenn er bildhafte Metaphern, Vergleiche, Nennung von Menschen, Erfahrungen, wörtliche Rede etc. enthält.

Beim Lesen von fiktionalen Texten braucht es von Seiten des Lesers keine besondere Lesetechnik. 

Jedoch ist eine gewisse Fiktionskompetenz für ihn beim Lesen unumgänglich.

Fiktionskompetenz: Leser braucht die Fähigkeit, sich mit angemessener Distanz in Geschichte hineinversetzen zu können

Die Fiktionskompetenz beschreibt die Fähigkeit, mit nicht wirklichen Inhalten in Darstellungsmedien angemessen umgehen zu können.

Gerade literarische Texte sind Werke der Fiktion, mit denen der Leser konfrontiert wird.

Die Fiktionskompetenz entwickelt sich schon im Kindesalter durch „Als-Ob“-Spiele (z.B. durch Rollenspiele, Geschichten ausdenken) und wird so sozialisatorisch im Laufe des Lebens erworben.

Wie wichtig die Fiktions-Realitäts-Unterscheidung für den Leser ist, zeigt sich durch fiktive Realitätssignale in Texten, um über ihren Fiktions-Status hinwegzutäuschen: bei angemessener Verbindungsherstellung des Lesers von Fiktion und Alltagsrealität kann das Identifizieren mit literarischen Figuren als eine Art Probehandeln für das eigene Leben aufgefasst werden, bei zu starker Fiktions-Realitäts-Verbindung können Informationen ins eigene Weltwissen übernommen werden, die nicht adäquat und schädlich sind – als Extrembeispiel können hier die Suizidfälle dienen, die aus völliger Empathie mit der Romanfigur Werther begangen worden sind. 

Fiktionskompetenz lässt sich durchs Lesen trainieren und führt zu einer positiven Veränderung und Weiterentwicklung der Persönlichkeit

Abgesehen von diesem Extrembeispiel fördert das Lesen fiktiver Literatur die Fiktionskompetenz und damit eine angemessene Fiktions-Realitäts-Verbindung, die auf individueller Ebene zur positiven Veränderung beitragen kann; die Weiterentwicklung der eigene Persönlichkeit setzt meist ein einen fiktiven Als-Ob-Entwurf eines zukünftigen Identitätsprojektes voraus. 

__________________________________________________________

Quellen: 

Martínez, Matías (Hrsg.), 2011. Handbuch Erzählliteratur. Theorie, Analyse, Geschichte. 1. Auflage, Stuttgart: J.B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH.

Polt, Robert, 1986. Freude am Lesen. Das illustrierte Handbuch für Bücherfreunde. 1. Auflage. Wien: Verlag Brandstätter.

Werder, Lutz; Schulte-Steinicke, Barbara; Schulte, Brigitte, 2001. Weg mit Schreibstörung und Lesestress. Zur Praxis und Psychologie des Schreib- und Lesecoaching. 1. Auflage. Baltmannsweiler: Schneider Verlag. 

Wolfsberger, Judith, 2016. Frei geschrieben. Mut, Freiheit und Strategie für wissenschaftliche Abschlussarbeiten. 4. Auflage. Wien: Böhlau Verlag GmbH & Co. KG

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wann es sich lohnt, Lesehemmungen entgegenwirken

Wann es sich lohnt, Lesehemmungen entgegenwirken Lesefördernde Maßnahmen für junge und ältere Menschen in Therapie „Wenn die Liebe ein Medikament wäre - der Beipackzettel wäre ein dickes Buch.“Ernst Ferstl Bei der Bibliotherapie handelt es sich bei dem Leser um einen...

Wenn Literatur mehr Last als Freude ist

Wenn Literatur mehr Last als Freude ist Die wichtigsten Faktoren, die in der menschlichen Entwicklung zur Leselust führen „Hungriger, greif nach dem Buch: Es ist eine Waffe!“Bertolt Brecht (1898-1956) Damit es überhaupt zu einer emotionalen - und darin inbegriffen...

Wie heilsam ist Lesen?

Wie heilsam ist Lesen? 8 Grundregeln für wirkungsvolle Bibliotherapie Je mehr ich las, umso näher brachten die Bücher mir die Welt, umso heller und bedeutsamer wurde für mich das Leben.“ Maxim Gorki (1868-1936) Worte sind mächtig. Die Bibliotherapie nutzt...

Caroline Helene Duda
Therapeutische Schreibpädagogin, M.A.
Brühler Str. 33
42657 Solingen

0170/4460891
info@heilsames-storytelling.de

Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie e.V. 

Wann es sich lohnt, Lesehemmungen entgegenwirken

Wann es sich lohnt, Lesehemmungen entgegenwirken Lesefördernde Maßnahmen für junge und ältere Menschen in Therapie „Wenn die Liebe ein Medikament wäre - der Beipackzettel wäre ein dickes Buch.“Ernst Ferstl Bei der Bibliotherapie handelt es sich bei dem Leser um einen...

Wie heilsam ist Lesen?

Wie heilsam ist Lesen? 8 Grundregeln für wirkungsvolle Bibliotherapie Je mehr ich las, umso näher brachten die Bücher mir die Welt, umso heller und bedeutsamer wurde für mich das Leben.“ Maxim Gorki (1868-1936) Worte sind mächtig. Die Bibliotherapie nutzt...