Wann es sich lohnt, Lesehemmungen entgegenwirken

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Wann es sich lohnt, Lesehemmungen entgegenwirken

Lesefördernde Maßnahmen für junge und ältere Menschen in Therapie

„Wenn die Liebe ein Medikament wäre – der Beipackzettel wäre ein dickes Buch.“

Ernst Ferstl

Bei der Bibliotherapie handelt es sich bei dem Leser um einen psychisch kranken Menschen, der Hilfe benötigt. 

Der Therapeut versorgt diesen Menschen mit heilsamen Texten.

Die Empfehlung eines heilsamen Textes verlangt Leseaffinität, ein großes Einfühlungsvermögen und erfordert ähnliche Regeln wie bei der Verschreibung von Medikamenten: der Therapeut sollte bei der Lektüreempfehlung Auswahl und Dosis beachten.

3 Kriterien für die richtige Auswahl und Dosis für Literatur

Konkret kann er sich dabei laut Heimes (2017) an folgende Eckpunkte halten:

  • Der Text (sei es Gedicht, Kurgeschichte, Märchen, Roman, …) sollte genügend Problembewältigungsstrategien und Lösungswege anbieten, damit es dem Leser leichter fällt, sich für die passende Strategie zu entscheiden
  • Der Text sollte eine möglichst wertfreie Haltung präsentieren und – wenn möglich – humorvoll sein
  • Der Text sollte dem Leser ermöglichen, sich mit dem Umfeld, der Handlung und den Charakteren zu identifizieren und deren Beweggründe nachvollziehen zu können

Zudem muss abgeklärt werden, in welcher Verfassung der Patient sich in seiner aktuellen Situation befindet: Ist er emotional überhaupt gerade lesefähig? Hat er zurzeit genügend Konzentration für längere – und vielleicht auch schwierigere – Texte? Ist ihm bewusst, dass die Lektüreempfehlung lediglich zur Unterstützung dient und kein Anzeichen von „Abschiebung“ seitens des Therapeuten darstellt? 

Mindestvoraussetzung für gewählte Geschichten: Logische, nachvollziehbare Protagonisten und Handlungen

In der Erzähltheorie gilt als Mindestvoraussetzung, dass eine Geschichte eine plausible, logische Handlung und nachvollziehbare Reaktionen der Protagonisten haben sollte – für bibliotherapeutische Zwecke besteht noch ein ergänzender Idealfall, sofern die Verschiedenheit der Menschen in achtsamer und wertschätzender Weise präsentiert werden und die behandelten Probleme zudem als überwindbar dargestellt werden. 

Sofern ein Patient allgemeine Leseschwierigkeiten besitzt, kann der Therapeut seine Rolle bis hin in den didaktischen Raum erweitern; in der amerikanischen Forschung wurde bei der Untersuchung von Problemen zum Textverstehen erkannt, dass Lesen und Schrieben eng miteinander verbunden sind und daher Schreibübungen (z.B. Freewriting) auch die Lesekompetenz steigern können.

Dem Therapeut muss zudem eine Lesekompetenz vorliegen.

Gemeint ist damit das konzeptionelle Begreifen des Erzählens, bei der Empfehlung sollte ihm also die Aspekte einer idealtypischen Erzählung – Struktur, Erzählwürdigkeit, emotionaler Aspekt – geläufig sein.

Wie sich die Erzählfähigkeiten im Laufe des Lebens entwickeln

Gerade bei der Erfragung der Lesebiografie kann es für den Therapeuten sehr hilfreich sein, die klassische Erwerbsentwicklung von Erzählfähigkeiten zu kennen:

Das Berichten von vergangenen Ereignissen und Erlebnissen zwischen Mutter und Kind sowie die Rezeption narrativer fiktionaler mündlicher und schriftlicher Texte gilt als Ursprung narrativer Strukturen.

 Zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr entstehen längere und komplexere Erzählfähigkeiten des Kindes; hier sind Erzählungen unverbundener – höchstens linear aneinandergereihter – Ereignisse ohne Konfliktstruktur üblich, der erwachsene Zuhörer fungiert dabei als Impuls- und Strukturgeber; mit etwa vier Jahren differenzieren Kinder fiktiv-fantastische von realen Elementen, Fünfjährige vermischen diese Elemente wieder. 

Mit der Einschulung beziehungsweise um das 7. Lebensjahr herum können Kinder meist längere Phantasiegeschichten (Reihenerzählungen, keine strukturierte Höhenerzählung) erzählen, sie trennen zudem wieder Fiktions- und Realitätselemente zuverlässig und die wachsende Entwicklung von Erzählstruktur und -länge ist mit langsamer Einführung von Aktanten, Ellipsen, Paraphrasen etc. beobachtbar. 

Gerade am Ende der Grundschulzeit sind fast alle Kinder fähig, eine Erzählung mit Exposition, Komplikation und Auflösung zu produzieren – bis ins Erwachsenenalter lassen sich stetige Ausdifferenzierungen beobachten, was vor allem „die sprachlichen Mittel, die globale Strukturierung und die Diskurseinbettung betrifft“. (Martínez 2011, S. 60)

Erzählfähigkeit ist gleichbedeutend mit Lesefähigkeit

Man kann davon ausgehen, dass der individuelle Stand der Produktionsfähigkeit mit der Rezeptionsfähigkeit gleichzusetzen ist – so scheint dieses Wissen vor allem bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen besonders nützlich, gibt aber ebenso Aufschluss, sofern Leseschwierigkeiten bei Erwachsenen bestehen. 

Um Kinder wie Erwachsene gleichermaßen zum Lesen anzuregen, bieten sich – wie oben bereits angedeutet – Techniken des kreativen Schreibens an; Clustern, aktive Imagination oder auch Freewriting dienen der Vorstellungsaktivierung und können sich auch zur Einstimmung auf einen literarischen Text anbieten.

Im Zweifelsfall kann ein Leser einer Lesehemmung gegenüberstehen – gerade bei Patienten kann diese Blockade zum Selbstschutz dienen; vielleicht aus Angst, vor der Auseinandersetzung eines problematischen Themas zu stehen und konfrontiert mit dem Widerstand, sich diesem noch nicht öffnen zu wollen. 

Hier bieten sich ebenso Hilfestellungen aus dem didaktischen Bereich an, um auf Spurensuche zu gehen: sofern der Patient (noch) nicht bereit ist, die Problematik mit dem Therapeuten zu besprechen, besteht die Möglichkeit, ein selbst geführtes schriftliches Gespräch mit seinem inneren Kritiker zu suchen.

Lesebereitschaft des Patienten muss vorhanden sein – ansonsten Problembearbeitung nicht empfehlenswert

Abschließend sei darauf aufmerksam gemacht, dass der Bibliotherapeut meist in erster Linie ein Therapeut ist – die Arbeit mit Lektüre wird meist nur als begleitende Maßnahme in Kombination mit Psychotherapie angewendet, sofern Leseblockaden oder -hemmungen vorhanden sind, ist der Therapieverlauf also nicht von einer aufbauenden Lesekompetenz abhängig.

Ebenso sei betont, dass die Wirkung heilender Literatur stets den Willen an allgemeiner Leselust voraussetzt; Leseschwierigkeiten jeglicher Art können und sollen nur bearbeitet werden, sofern eine grundsätzliche Annahmebereitschaft des Patienten vorhanden ist, sich helfen zu lassen.

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Quellen:

Heimes, Silke, 2017. Lesen macht gesund. Die Heilkräfte der Bibliotherapie. 1. Auflage. 

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht Verlag.

Martínez, Matías (Hrsg.), 2011. Handbuch Erzählliteratur. Theorie, Analyse, Geschichte. 1. Auflage, Stuttgart: J.B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH.

Werder, Lutz; Schulte-Steinicke, Barbara; Schulte, Brigitte, 2001. Weg mit Schreibstörung und Lesestress. Zur Praxis und Psychologie des Schreib- und Lesecoaching. 1. Auflage. Baltmannsweiler: Schneider Verlag. 

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Caroline Helene Duda
Therapeutische Schreibpädagogin, M.A.
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Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie e.V. 

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